Heinrich Bauer

Geburtsdatum: 17.01.1885

Religionsbekenntnis: Mosaisch

Geburtsort:
Jihlava, Tschechien
(Iglau, Mähren (Österreich-Ungarn))

Nationalsozialismus:
Beruf:
Kaufmann

Biografie:

Heinrich Bauer betrieb ein Herrenmodengeschäft der Rotenturmstraße in der Wiener Innenstadt. Seine große Leidenschaft dürfte dem Fußball gehört haben. Anlässlich der Länderspiele der österreichischen Nationalmannschaft in Paris und Brüssel begleitete er die Mannschaft als einziger (!) Schlachtenbummler auf die damals sehr kostspielige Reise.

Er gehörte auch zum Kreis des fußballaffinen Stammgäste im Ring-Café rund um den ÖFB-Generalsekretär Hugo Meisl. Und beim legendären Spiel des "Wunderteams" an der Stamford Bridge im Dezember 1932 war Bauer Teil der offiziellen Delegation. Ab 1931 gehörte er dem Vorstand des Fußballklubs Austria Wien an, zuerst ohne nähere Funktionsbezeichnung, dann als Revisor und ab 1935 als Schriftführer. Sein Geschäft diente auch als Vorverkaufsstelle für Tickets zu den Austria-Spielen.

Unmittelbar nach dem "Anschluss" wurde er – wie der gesamte, ausschließlich aus Juden bestehende Vorstand des Vereins – seines Amtes enthoben. In der Vermögensanmeldung vom 15. Juli 1938 gab Heinrich Bauer den Wert seines Unternehmens mit 39.540 Reichsmark an, dazu kamen noch Ansprüche aus Versicherungen und Wertsachen. Am 25. September wurde von der "Reichsfluchtsteuerbehörde" ein sogenannter Sicherheitsbescheid in Höhe von 13.000 Reichsmark festgesetzt. Am 12. Dezember schrieb Bauer an die Vermögensverkehrsstelle, dass sein Geschäft am 10. November 1938 behördlich geschlossen und nunmehr als "arisches Unternehmen" geführt werde. Ihm sei völlig unbekannt, welchen Erlös er für das Geschäft erwarten könne, daher sei er nicht in der Lage, die "Kontributions-Quote" zu erlegen. In der Folge wurde er seines gesamten Vermögens beraubt. Als letzten Schritt musste Heinrich Bauer am 13. Oktober 1941 der Zentralstelle für jüdische Auswanderung eine Vollmacht erteilen, mit der sein letzter Besitz, ein Guthaben bei der Länderbank in der Höhe von 145 Reichsmark, an das Deutsche Reich überging. Zwei Tage später wurde er nach Litzmannstadt deportiert, "evakuiert", wie es in einer Anmerkung der Bank heißt. Bauer kam also in das Getto in der polnischen, unter deutscher Besatzung stehenden Stadt Łódź, das nur ganz wenige der dort zusammengepferchten Menschen überlebten. Schätzungen gehen bei insgesamt etwa 200.000 Personen von nur 7.000 Überlebenden aus. Wer das Getto selbst überstand, wurde in ein Vernichtungslager deportiert. Heinrich Bauer überlebte diese mörderischen Bedingungen nur etwas mehr als drei Monate, am 26. Jänner 1942 kam er in Litzmannstadt zu Tode.

Im Dezember 1946 stellte seine Schwester ein Rückstellungsansuchen für das Vermögen ihres verstorbenen Bruders. Als einzigem aus dem Vorstand der Austria vom März 1938 war Bauer die Flucht aus Wien nicht gelungen.

Quellen
WStLA, BPD Wien: Historische Meldeunterlagen, K 3: Heinrich Bauer
Landespolizeidirektion Wien, Vereinspolizei: Vereinsakt Fußball-Klub Austria OeStA, AdR, E-uReang VVSt VA, B 37584 Bauer, Heinrich, 17.01.1885
OeStA, AdR, Entsch-u. Reang, FLD 13610 Bauer Heinrich 05205/1578


Literatur
Bernhard Hachleitner / Matthias Marschik / Rudolf Müllner / Johann Skocek: Ein Fußballverein aus Wien. Der FK Austria im Nationalsozialismus 1938−1945. Wien [u. a.]: Böhlau 2018
Andrea Löw: Juden im Getto Litzmannstadt. Lebensbedingungen, Selbstwahrnehmung, Verhalten. Göttingen: Wallstein Verlag 2006

Im Rahmen einer Kooperation mit der Wienbibliothek im Rathaus ist dieser Text auch auf Wien Geschichte wiki erschienen.