Leopold Schidrowitz

Geburtsdatum: Dienstag, 20 März, 1894

Religionsbekenntnis: Mosaisch

Geburtsort:
Wien, Österreich
(Wien, Österreich-Ungarn)

Beruf:
Verleger, Autor, Sexualforscher

Vereine als Funktionär:
Sportklub Rapid, Referent
1934, 1937
Sportklub Rapid, Verbandsdelegierter
1923, 1935

Biografie:

Leo Schidrowitz (1894–1956) war ein Multitalent: Er verfasste Bücher und Essays kultur- und kunstkritischen Inhalts und etablierte sich als einer der umtriebigsten Verleger der ersten österreichischen Republik, der Texte von Victor Hugo ebenso bearbeitete, wie er die Romane Hugo Bettauers verlegte. Ab dem Ende der 1920er Jahre wandte er sich der Sexualforschung zu, publizierte eine Sittengeschichte der Kulturwelt und ein Bildlexikon der Erotik. Zugleich betätigte er sich als Fußballfunktionär beim Sportklub Rapid, wo er neben der Vorstandstätigkeit vor allem publizistisch tätig war, vor allem durch die Redakteursarbeit am „Rapid-Blatt“. 1936 wurde er als Vertreter Rapids in ein Reformkomitee entsandt, das Vorschläge zur Einführung einer Nationalliga erstellen sollte, und er wurde er Vorsitzender des Klassenausschusses der Liga. Im Februar 1938 wurde er in das „Zehnerkomitee“ berufen, das Österreichs Teilnahme an der Fußball-WM 1938 organisieren sollte.
 
Als Jude und „Pornograf“ doppelt gefährdet, musste er elf Jahre im brasilianischen Exil verbringen. Nach seiner Remigration wurde er „Propagandareferent“ des ÖFB. Schidrowitz kann ein beredtes Bild eines assimilationswilligen jüdischen Bürgertums abgeben, aber zugleich als Vorläufer einer alltagsorientierten Kulturwissenschaft gesehen werden. Das betraf gleichermaßen seine theoretischen Überlegungen wie seine praktische Arbeit: So schlug Schidrowitz etwa vor, dem Sport einen gleichberechtigten Part im Rahmen der Wiener Festwochen einzuräumen: Fußball-Länderspiele oder eine sommerliche Eisrevue sollten dem Publikum etwas bieten, woran es sich wirklich erfreuen kann.
 
Literatur:
Matthias Marschik/Georg Spitaler, Leo Schidrowitz. Autor und Verleger, Sexualforscher und Sportfunktionär, Berlin 2015
Matthias Marschik, Nur ein Teil kehrt zurück. Die Remigration des Leo Schidrowitz. In: Katharina Prager / Wolfgang Straub (Hg.): Bilderbuch-Heimkehr? Remigration im Kontext, Wuppertal 2017, S. 93-106
Matthias Marschik, Chronist der Sexualität: Leo Schidrowitz (1894-1956): Im Niemandsland zwischen Erotik, Pornografie und Kulturanalyse. In: Andreas Brunner et al. (Hg.): Sex in Wien. Lust. Kontrolle. Ungehorsam. Sonderausstellung des Wien Museums, Wien 2016, 106-111
Matthias Marschik/Georg Spitaler, „Ein echtes Universalgenie“. ÖFB-Propagandareferent Leo Schidrowitz (1894-1956). In: Matthias Marschik/Rudolf Müllner (Hg.): „Sind’s froh, dass Sie zu Hause geblieben sind“. Mediatisierung des Sports in Österreich, Göttingen 2010, 209-217.